Seit 2017 ist Cannabis in Deutschland als Arzneimittel erhältlich. Es soll Schmerzen lindern und wird von manchen Nutzern als regelrechtes Wundermittel betrachtet. Dabei zeigen wissenschaftliche Studien ein differenzierteres Bild – und die Nebenwirkungen werden oft unterschätzt.

Wirkt Cannabis gegen Schmerzen?

Der Begriff Cannabis umfasst alle Bestandteile der Hanfpflanze. Das Wort Marihuana wird hingegen vor allem für die Verwendung als Rauschmittel verwendet und bezeichnet vor allem die getrockneten Blütentrauben.

Bereits vor dem 1. März 2017 konnten Patienten eine Ausnahmegenehmigung erhalten, um Cannabis zu medizinischen Zwecken zu nutzen. Am häufigsten wurde die Cannabis-Nutzung zur Behandlung von Schmerzen beantragt. Das Mittel soll bei nicht nur chronische Schmerzen lindern, sondern auch Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit reduzieren und gegen die Spastik bei Multipler Sklerose wirken.

Wissenschaftliche Studien zeigen teilweise, dass Cannabis Schmerzen reduzieren kann. Allerdings lautet einer der häufigsten Kritikpunkte, die Effekte seien zwar bei einigen Anwendungen vorhanden, doch sie lägen eher im unteren bis mittleren Bereich. Eine neue Studie konnte sogar gar keinen Effekt nachweisen (Campbell et al., 2018).

Methodische Probleme von wissenschaftlichen Untersuchungen

Um die Ergebnisse mehrerer Studien wissenschaftlich auszuwerten, können Forscher sogenannte Metaanalysen oder systematische Übersichtsarbeiten, genannt Reviews, erstellen. Ein Artikel, der sich mit Übersichtsarbeiten zu Cannabis beschäftigt, kommt jedoch zu dem Schluss, dass die bisher publizierten Arbeiten teilweise qualitative Mängel aufweisen (Häuser, Finnerup & Moore, 2018).

So habe ein Review beispielsweise auch Studien mit kleinen Stichproben und einer sehr kurzen Beobachtungsdauer von teilweise nur wenigen Stunden oder einem Tag mit in die Bewertung einbezogen. Darüber hinaus sei es wenig sinnvoll, verschiedene Formen von chronischem Schmerz und verschiedene Cannabis-Medikamente in einen Topf zu werfen, ohne zu differenzieren.

Es fehle an methodisch guten Studien, welche die Kriterien der Europäischen Arzneimittel-Agentur erfüllen, die für die Bewertung von Medikamenten zuständig ist. Auch im Cannabis-Report der Techniker-Krankenkasse wird die Beweislage als „inkonsistent und lückenhaft“ bezeichnet. Häuser, Finnerup und Moore sehen eine Parallele zu den Opioiden – die anfängliche Fehleinschätzung von Opioiden führte letztlich zu einer Sucht-Epidemie. Die Autoren sehen diese Gefahr auch bei Cannabis.

Nebenwirkungen werden oft unterschätzt

Die möglichen Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis sprechen Häuser, Finnerup und Moore in ihrem Fachartikel nur kurz an – doch auch sie sind einen genaueren Blick wert. Cannabis ist seit langem dafür bekannt, Psychosen auslösen zu können. Bei einer Psychose handelt es sich um einen psychisch kranken Zustand, der durch Wahnvorstellungen und Halluzinationen gekennzeichnet ist. Die bekannteste psychotische Krankheit ist die Schizophrenie.

Glaeske und Sauer verweisen in ihrem Bericht für die Techniker-Krankenkasse auf eine Studie, derzufolge psychotische Nebenwirkungen nicht gleich verteilt sind: Menschen, die vor der medizinischen Nutzung kein Cannabis konsumiert haben, könnten ein viel höheres Risiko für Psychosen und andere Nebenwirkungen haben, als bisherige Untersuchungen abbilden.

Der Konsum von Cannabis kann zu einem wohligen, entspannten Zustand führen, aber auch Angst oder Panik hervorrufen. Die Wissenschaftler führen zahlreiche weitere mögliche Nebenwirkungen auf, darunter:

  • Missmut
  • Gedächtnisprobleme
  • gestörte Zeitwahrnehmung
  • verringerte psychomotorische/kognitive Leistungsfähigkeit (z. B. Sprachstörungen)
  • Müdigkeit
  • Schwindel
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Verstopfungen
  • beschleunigter Herzschlag
  • Abfall des Blutdrucks
  • trockener Mund, weniger Tränenflüssigkeit
  • Muskelentspannung oder Muskelzucken
  • mehr Appetit
  • Entzugserscheinungen beim Absetzen
  • Taubheitsgefühle

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