Bei der Geldanlage gibt es einige Grundsätze, die jeder Mensch kennt und die generell das Verhältnis von möglichem Gewinn und Risiko beschreiben: Pauschal gesagt solle man viel riskieren, um viel gewinnen zu können. Doch stimmt das? Finanzwissenschaftler sehen das differenzierter.

An welche Weisheiten glauben alle Anleger?

Die grundsätzlichen, scheinbar durch “das Leben” bestätigten Wahrheiten finden sich in solchen Aussagen wieder:

  • Mehr Risiko bringt im Großen und Ganzen mehr Rendite – trotz zwischenzeitlicher Verluste.
  • Wer nichts riskiert, bekommt nur Mini-Zinsen.
  • Beim Roulette entsteht das höchste Risiko durch das Setzen auf eine einzige Zahl – aber auch der höchste Gewinn, wenn die Kugel auf dieser Zahl stehen bleibt.
  • Das Sparbuch macht niemanden reich, ebenso wenig die Festgeldanlage.
  • Auch Versicherer bestrafen riskante Kunden (zum Beispiel Autofahrer) mit höheren Prämien.

Den Grundsatz “Risiko = Rendite“ machte der britische Ökonom John Maynard Keynes populär, der ihn unter anderem von den Renditen der Staatsanleihen ableitete. Das stimmt prinzipiell: Die sicheren deutschen Bundesanleihen rentieren sehr oft unter einem Prozent, die riskanten griechischen Anleihen zeitweilig im zweistelligen Prozentbereich. Ist der Zusammenhang hohes Risiko = möglicher hoher Gewinn und umgekehrt also ein Naturgesetz? Offenbar nicht, wie Finanzwissenschaftler schon vor Jahrzehnten nachwiesen.

Es geht auch anders: geringes Risiko = hohe Rendite

Der US-Finanzmarktforscher Robert Haugen beobachtete schon 1969 das Phänomen, dass sehr risikoarme amerikanische Aktien im Durchschnitt bessere Gewinne abwerfen. Mit seinen Forschungsergebnissen löste Haugen großen Widerspruch aus, denn schon damals (und noch viel früher) glaubte man ehern an die oben postulierten Weisheiten. Die etablierte Börsenforschung folgte der traditionellen Hypothese unbeirrt, das CAPM (Capital Asset-Pricing Model) des Nobelpreisträgers William Sharpe fußte darauf. Die Formel von Sharpe war simpel: Die mögliche Rendite eines Wertpapiers steigt proportional zum Risiko, der Kapitalmarkt ist daher effizient. Doch Haugen forschte weiter und gab schließlich dem Phänomen den Namen Niedrig-Volatilitäts Anomalie (Low Volatility Anomaly). Damit bezog er sich explizit auf die Volatilität, die allgemein als Risikofaktor gilt. Finanzprofis glauben, dass sehr volatile (im Kurs schwankende) Papiere demnächst abstürzen könnten.

Forschungen zum Risiko-Rendite-Verhältnis

Die von Haugen gefundene Anomalie wurde in den folgenden Jahrzehnten gründlich erforscht. Im Jahr 2015 veröffentlichte die dänische Jyske-Bank dazu eine neue Studie, die Haugens These im Prinzip bestätigte. Im Rahmen der Studie hatten die Analysten US-Aktien in fünf Risikoklassen unterteilt und per Backtest ermittelt, dass die risikoärmsten Aktien über 40 Jahre Laufzeit sieben Prozent mehr Jahresrendite als die risikoreichsten Aktien erwirtschafteten. Wichtig am Studienergebnis ist aber die statistische Durchschnittsbetrachtung. Es verhalten sich keinesfalls immer einzelne Aktien anomal, nur der Durchschnitt aller Aktien verhält sich so. Daher gibt es Titel, die bei hohem Risiko auch eine hohe Rendite einbringen, auf der Gegenseite gibt es Titel, die bei niedrigem Risiko eine hohe Rendite einbringen. Der Witz ist nun: Durchschnittlich gewinnen Letztere.

Wie erhält nun der Anleger die hohe Rendite bei niedrigem Risiko?

Anleger können sich ein entsprechendes Portfolio von einem Fachmann zusammenstellen lassen. Wichtig ist der Zeitpunkt der Investition in einer Niedrig-Volatilitäts-Phase, dann geht die Rechnung niedriges Risiko = hohe Rendite tatsächlich auf. Im Portfolio muss es auch Absicherungen und Umschichtungen geben. In Eigenregie schaffen das Privatanleger allerdings nicht, es gehört viel Expertise dazu. Die Profis bestimmen hierzu mit speziellen Tools ständig das börsliche Risiko.

Mehr Informationen zum Thema gibt es in der FAZ.

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